fbpx

SPECIALISTERNE NETWORK

International Specialisterne Community

Specialisterne Foundation

Specialisterne Foundation is a non-for-profit organization that works to enable one million jobs for people with autism and similar challenges. The foundation owns Specialisterne Denmark and the Specialisterne concept and trademark.

 
l
l
Das Unbekannte in mir.  

Wenn ich an mein Leben vor der Autismus Diagnose denke, dann kann ich es nur wie folgt beschreiben:

Ich hatte immer das Gefühl, als würde ich im dichten Nebel stehen.  Alles um mich herum war so verwirrend. Ich hatte nie klare Sicht auf das große Ganze. Ich konnte immer nur kleine Details wahrnehmen und sie stückweise zusammensetzen.

All diese Details stehen für die Erfahrungen, die ich in meinem Leben bisher gemacht habe. Für jedes einzelne Problem, das ich gelöst, und für jede Erkenntnis, die ich daraus erlangt habe. 

Meine Autismus Diagnose war für mich, als würde endlich ein Lichtstrahl den Nebel durchbrechen und mir die Sicht auf alles freigeben.

Unbemerkt

Würde ich mein bisheriges Leben mit einem 200-Meter-Lauf vergleichen, dann würde ich sagen, dass ich nicht wie alle anderen an der Startlinie, sondern 50 Meter weiter hinten begonnen habe.

Ich hatte schon früh das Gefühl die Welt durch eine Glasscheibe zu betrachten und fühlte mich oft auf eine gewisse Art isoliert. So richtig merkte ich es, als ich eingeschult wurde.

Ich wurde von meinen Klassenkolleg:innen nie richtig angenommen und oft ausgegrenzt. Ich wusste aber nicht so recht warum. Das Problem musste anscheinend an mir liegen.

War ich defekt?

Durch meine soziale Unbeholfenheit habe ich über die Jahre hinweg so einiges erlebt und ertragen müssen. Über mich ergehen lassen, trifft es wohl eher.

Ich hatte von Anfang an Probleme in der Schule. Als Legasthenikerin kämpfte ich lange Zeit um jedes Genügend und meine Mathematiklehrer verzweifelten an mir.

Meine eigentlich auffälligen Lernschwächen blieben jedoch durch meine unauffällige, stille und zurückhaltende Art unbemerkt. Ich war still, ein stilles Mädchen, doch nur, weil alles um mich herum so unbeschreiblich laut war.

ÜBER DIE AUTORIN:

gezeichnetes Mädchen

SEM (Pseudonym) ist Malerin und Asperger Autistin. Das drückt sie auch in ihrer bildlichen Sprache aus. Mit Kreativität und kritischem Auge widmet sie sich sensiblen Themen, die in der Gesellschaft zu kurz kommen.

Für meine Lehrer waren meine Lernschwächen ein Zeichen mangelnder Intelligenz und wurden zu dieser Zeit auch nicht groß hinterfragt.

Die Schule war für mich ein Ort der Furcht. Die lauten Geräusche, die vielen Menschen um mich herum, die Launen der Lehrer. Spontane mündliche Prüfungen, Rechnen an der Tafel und die missmutigen Blicke der Deutschlehrer, wenn ich bei einer Schularbeit wieder zu viele Fehler gemacht hatte. Ich fühlte mich in meiner Zerstreutheit alleine gelassen, in meiner  Persönlichkeit nicht wahrgenommen und weitergereicht, unfähig zu sprechen.

Während meine Mitschüler die nächsten Schritte ihres beruflichen Weges planten, schien mich in meinem Leben nicht sehr viel zu erwarten. Meine Begabungen waren sehr einseitig. Mein räumliches Denken, mein Feingefühl für Farben und meine Leidenschaft für das Kreative waren sehr ausgeprägt. Ein nettes Freizeithobby, aber kein Brotberuf. In dieser Welt nichts wert. In den anderen Bereichen waren meine Fähigkeiten äußerst bescheiden oder erst gar nicht vorhanden.

Spezialinteresse

Etwas, was sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht, ist das Interesse am kreativen Schaffen. Meine Gedanken kreisen ständig um neue Ideen. Wenn ich in meine Arbeit vertieft bin, vergesse ich oft zu trinken und zu essen.  Ich fühle mich ausgeglichen, es macht mich glücklich. Es gibt mir Energie. Es besänftigt mich und es macht mich zu einem zufriedenen Menschen.

Vernachlässige ich es, bewirkt es das Gegenteil. Mein Leben fühlt sich sinnlos an. Ich habe das Gefühl, es zu verschwenden.

Doch genau das habe ich viele Jahre lang getan, unwissend, dass meine Kreativität der Schlüssel zu meiner inneren Balance ist. Statt mich auf meine Begabungen zu konzentrieren, wurde ich immer auf meine Schwächen hingewiesen.

Im Laufe der Jahre stiegen die Erwartungen und der Leistungsdruck, aber meine Energie, mein Durchhaltevermögen schwanden dahin.

Ich hatte mich mit der Zeit  auf eine gewisse Art und Weise angepasst,  doch innerlich war ich wütend. Ich fühlte mich so zerrissen. Ein Leben definiert durch gesellschaftliche Zwänge und die Vorstellungen anderer.

Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr konnte. All meine Energie war aufgebraucht. Nachts hielten mich meine Probleme wach. Tagsüber war ich müde und die Hoffnungslosigkeit schien mich mit aller Kraft zurück in die Matratze pressen zu wollen. Hinein in ein tiefes Loch. Das mir nur allzu bekannt vorkam. Doch dieses Mal war es tiefer. Es dauerte eine Zeit lang, bis mir bewusst wurde, dass man diesen Zustand Depression nennt. Seit Jahren überschwemmten mich diese negativen Gedanken und Gefühle immer wieder, aber niemand sprach je über eine Depression.

Nullpunkt

Abgeschlagenheit, Panikattacken, Schlaflosigkeit, Angststörungen, Depression.

Für alles gibt es ein Medikament. Man kostet sich mutig durch das Pharmasortiment, bis man die richtige Mischung gefunden hat, und den 7-Tage-Dispenser, den gibt es gratis dazu.

Man schwankt als menschliche Hausapotheke durch die Gegend und versucht trotz der körperlichen Nebenwirkungen den Alltag zu schaffen und die Leistung zu erbringen, die von einem verlangt wird. Die Welt ist doch in Ordnung!

Eine dunkle Welle der Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung, die über einem zusammenbricht und mit sich in die Tiefe reißt. Ich habe mich oft gefragt, wie lange muss ich noch durchhalten? Wann ist es endlich vorbei? Dieses permanente Gefühl quälender Anspannung.

Ich versuchte die leisen Stimmen im Hintergrund, Familie, Freunde, Bekannte, Professoren, Arbeitgeber nicht zu beachten. Die Fragen, warum aus mir nichts wird, warum ich nichts richtig hinbekomme, mich immer anstelle, mich nicht zusammenreißen kann,  alles abbreche.

Ich war zu sensibel, ich fühlte mich oft krank und erschöpft und das, obwohl mir doch eigentlich nichts fehlte.

Alle fühlten sich berechtigt über mich zu richten, doch niemand sprach mit mir darüber. Niemand fragte mich wirklich, wie es mir ging. Ich fühlte mich wie ein Geist, diffus, nicht präsent. Ich wurde von anderen sichtbar gemacht, ihre Meinungen über mich, flüchtig auf ein Papierzettelchen gekritzelt, blieben an mir haften und pressten mich in Form. War ich denn wirklich dieser Mensch?

Ich hatte damals das große Glück eine Psychiaterin gefunden zu haben, die mir auch eine Gesprächstherapie anbot.

Meine Depressionen wurden, so gut es ging, behandelt, doch der tatsächliche Auslöser blieb auch hier unerkannt. Es gab gute und schlechte Tage, doch die Angst vor der nächsten dunklen Welle blieb beständig.

Nach fünf Jahren Therapie spürte ich, dass die Medikamente nicht mehr halfen, sondern eher das Gegenteil bewirkten. Die Medikamente waren eine gute anfängliche Unterstützung gewesen, doch ich hatte immer mit starken Nebenwirkungen zu kämpfen. Ich fühlte mich einfach vergiftet.

Auch die Gesprächstherapie hatte mir sehr geholfen, sie brachte mich auf den richtigen Gedankenpfad, doch nun war ich an der Reihe.

Meine Depressionen waren Symptome, die sich nur dann bessern würden, wenn ich den Auslöser, also die Quelle des ganzen Übels entdecken würde. Ich wusste, der einzige Mensch, der mich aus diesem Loch ziehen konnte, war ich selber. Wenn ich es nicht konnte, konnte es niemand.

Ich änderte meine Ernährung und fing an mich sportlich zu betätigen. Zu dieser Zeit begann ich auch meine Gedanken in ein Journal zu schreiben.

Das tue ich auch heute noch. Wenn es mir schlecht geht, ist es wie eine Art Erinnerung, die mich wieder zur Besinnung bringt, wenn ich mich auf meine Krankheit, die Depression, reduziere. Ich blättere darin und erkenne, wie sehr ich mich in den letzten Jahren entwickelt habe.

Schluss Akt

Vor  über einem Jahr führte mich mein Weg wieder zu einer Psychiaterin. Ich hatte kurz davor meine Arbeit verloren und musste mich im Zuge einer beruflichen Rehabilitation wieder in psychiatrische Behandlung begeben. Die Ärztin wurde mir empfohlen, also ging ich hin.

Ich erzählte ihr von meinem Interesse, aber auch von den Problemen die mich seit Jahren begleiteten und durch den Kurs, den ich besuchte, wieder extrem präsent wurden. Sie war die erste Person, die den Verdacht äußerte, ich könnte das Asperger- Syndrom haben. Als ich anfing, mich mit dem Thema auseinander zu setzen, erkannte ich mich in Vielem wieder. Trotzdem war ich mir unsicher.

Die vielen negativen und teils falschen Berichte aus dem Internet verletzten mich zutiefst.

Trotzdem war die Wartezeit bis zu meinem Diagnostiktermin für mich kaum auszuhalten. Der Leidensdruck, der sich über die Jahre zusammen gesammelt hatte, war für mich wieder klar spürbar und fast unerträglich. Als ich schlussendlich meine Diagnose in den Händen haltend aus der Praxis meiner Diagnostikerin schritt, hatte ich nach all den Jahren endlich das Gefühl etwas abgeschlossen zu haben.

Entdeckt.

Nach der Diagnose fragte ich mich oft, was gewesen wäre, hätte man meinen Autismus früher erkannt und nicht erst nach 33 Jahren. Wie hätte ich mich entwickelt, was wäre aus mir geworden? Wäre mir das ganze Leid erspart geblieben? Die vielen Tränen, Ängste, die Wut, die ich gegen mich richtete. Was für ein Mensch wäre ich jetzt?

Ich habe meine Jugend damit verbracht mich schlecht zu fühlen. Ich hatte immer das Gefühl zu wenig zu leisten und zwang mich zu Vielem, obwohl es mich alle Kraft kostete, die ich hatte – und mehr.

Ich war wie ein leeres Blatt Papier, das ich erst mit meinen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen beschreiben musste, um mich in dieser verwirrenden Gesellschaft und ihren ungeschriebenen Regeln zurecht zu finden.

Jemand sagte einmal zu mir, ich lebe ein Leben, das nicht das meine ist. Damit hatte er Recht. Ich habe mich angepasst, mich dabei aber selbst verloren. Meine seelische Gesundheit auf das Spiel gesetzt um den Vorstellungen anderer zu entsprechen, weil ich es nicht besser wusste.

Mit dem Wissen über mich, das ich jetzt habe, kann ich mit mir Frieden schließen. Ich muss nicht mehr gegen mich kämpfen und Unmenschliches von mir verlangen.  Doch ich stelle mir einige Fragen, wie können Menschen in Zukunft vor Ausgrenzung bewahrt werden? Wann lernen wir endlich über psychische Probleme zu sprechen, statt sie tot zu schweigen? Was können wir im Speziellen tun, um Autistinnen und Autisten die Unterstützung zukommen zu lassen, die sie benötigen, ohne sie auf ihre Schwächen zu reduzieren?

Wir sind alle Menschen, alle individuell mit unseren Stärken und Schwächen und möchten auch so wahrgenommen werden.

Mit dem Blick auf unsere Individualität, unsere Begabungen und die Leidenschaft, mit der wir diese ausführen, sind wir zu mehr fähig, als wir uns vorstellen können.

Die Welt ist für mich immer noch chaotisch, teils unverständlich, doch ich bin dabei sie zu entschlüsseln, auf meine eigene Art und in meinem eigenen Lebenstempo.

 

Bei Specialisterne widmen wir uns der hohen Arbeitslosigkeit im Autismus. Wir beraten, unterstützen, und bieten Fortbildungen an.

WIR SIND SOCIAL: Facebook — Instagram