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Specialisterne Foundation is a non-for-profit organization that works to enable one million jobs for people with autism and similar challenges. The foundation owns Specialisterne Denmark and the Specialisterne concept and trademark.

 
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Heilkraut oder Unkraut? Und was hat Autismus mit Peter Lustig zu tun?

Kennt ihr noch Löwenzahn? Ich habe bis dato nie hinterfragt, warum die Serie überhaupt “Löwenzahn” heißt. Bei der Recherche hilft auch keine Suchmaschine. Lediglich ein Absatz zur Namensänderung der beliebten Serie von “Pusteblume” zu “Löwenzahn”.¹ Generell gibt es im Volksmund über 500 Beschreibungen für ein und das gleiche Wort: Pissblume, Teufelsblume, Kuhblume, …²

Pissblume. Ich musste kurz schmunzeln. Das klingt genauso abschreckend wie Teufelsblume. Und was hat dann die Kuh damit zu tun?

Die Bedeutung von Löwenzahn

In Folge dieses Artikels wird mir die Bedeutung von Löwenzahn bewusster. Wenn man sich mit Löwenzahn auseinandersetzt, findet man gespaltene Meinungen. Viele Menschen sehen im Löwenzahn lediglich ein lästiges Unkraut und wissen nicht, dass der Löwenzahn eine sehr wertvolle und nützliche Pflanze ist, berühmt für ihre medizinischen Eigenschaften. Und so viel mehr.

“Gegen beinahe jedes Zipperlein ist in der Natur ein Kraut gewachsen.” — Mit Latzhose und Nickelbrille hat Peter Lustig in seiner TV-Serie “Löwenzahn” Generationen von Kindern die Welt erklärt. Dabei hat er seinem Namen alle Ehre gemacht. Er war tatsächlich lustig und hat es auf unterhaltsame Weise geschafft, sein Wissen zu vermitteln. Peter Lustig war unangepasst, erfrischend anders. Wie Löwenzahn. Wer erinnert sich noch an das Intro? Trigger-Warnung: Ohrwurm. und Nostalgie.

 

Zwei Welten treffen aufeinander. Und harmonieren.

An das verwilderte Wiesengrundstück Lustigs grenzt der sauber beschnittene Garten des Nachbarn Hermann Paschulke, gespielt von Helmut Krauss. Die Figur dient als Gegenentwurf zu Peter Lustig. Der Nachbar ist übergewichtig, an einer ökologischen Lebensweise nicht interessiert, ernährt sich ungesund, treibt keinen Sport, fährt große Autos, hat Angst vor Spinnen, mäht seinen Rasen stets kurz und erfüllt zahlreiche Klischees eines typisch deutschen Spießbürgers. Zwei Welten treffen aufeinander. Und harmonieren. Warum gelingt das nicht öfter?

Übertragen auf Unternehmenskulturen, lässt sich feststellen, dass Vielfalt zwar geschätzt wird, jedoch mangelt es an der Umsetzung. In der modernen Leistungsgesellschaft scheint kein Platz für Individualität. Homogene Entscheidungsträger berufen sich ausschließlich auf ihre eingeschränkten Erfahrungen, die jedoch nicht zwangsläufig auch die Erfahrungen der Mitmenschen sind. Deshalb ist Neurodiversität ein wirksames Werkzeug für eine produktive Gruppendynamik. Ein diverses Team fördert Kreativität, Innovation, und Empathie der Mitarbeiter:innen.

Das Dandelion-Principle

Bei Specialisterne sehen wir eine Parallele zwischen der Wahrnehmung des Löwenzahns und der (sozialen-) Wahrnehmung von Menschen im Autismusspektrum. Autist:innen erfahren Ausgrenzung und Mobbing, werden schnell auf ihre Schwächen reduziert, und wirken unangepasst.

Wir erkennen den Wert des Menschen mit autistischer Wahrnehmung dort, wo andere ihn nicht sehen können. Auf Basis jahrelanger Expertise in der Identifikation und Förderung von Autist:innen sensibilisieren wir Unternehmen für (Neuro-)Diversität. Konkret bedeutet das, die Arbeitsbedingungen anzupassen, um auf die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeiter:innen einzugehen — wir taufen diesen Prozess Dandelion-Principle (Pissblumen-Principle war keine Option). Im Zuge dessen können sich Mitarbeiter:innen auf ihre Stärken konzentrieren statt auf den energieraubenden Ausgleich von Defiziten.

Übertragen auf den Löwenzahn, lässt sich feststellen, dass es viele Namen für eine Pflanze gibt, die jedoch immer noch häufig nur als Unkraut wahrgenommen wird. Auch im Autismus gibt es viele Namen, die häufig nicht differenziert werden. Die gesellschaftliche Akzeptanz für Diversität ist mangelhaft.

Spielen wir ein (Gedanken-)Spiel

Erkennst du die Analogie?

Ein kurzes Gedankenspiel: Wie würde Peter Lustig bei einem gewöhnlichen Bewerbungsgespräch ankommen? Seine Erscheinung erregt Aufmerksamkeit und lädt ein, sich bereits ein frühzeitiges Urteil über seine Persönlichkeit zu bilden – der Primacy-Effekt. Einfach ausgedrückt: Der erste Eindruck zählt. Peter Lustig ist ein Mensch, der sich seine Individualität bewahrt und verwirklicht hat. In einer modernen Leitstungsgesellschaft hingegen ist er nicht hineinzudenken — also bleibt nur noch das Fernsehen?! Um das Gedankenspiel abzuschließen — er würde nicht ins Raster passen. Doch was ist eigentlich dieses Raster und wer legt es fest? Raster definieren sich als ein auf einer Fläche verteiltes regelmäßiges Muster. Metaphorisch spricht man von unangepasster Individualität, wenn jemand “durch’s Raster fällt”. Auch wenn dieses Wort häufig negativ behaftet ist, bedeutet es nichts anderes als seinen eigenen Weg zu gehen. Drehen wir die Bedeutung dieser Redewendung also mal um. Gehst du deinen eigenen Weg? Bist du der Löwenzahn im Rasen des Lebens?

Im nächsten Artikel machen wir einen Ausflug in die Wertebildung der Gesellschaft und versuchen eine Erklärung für bestehende Raster zu finden. Kein leichtes Unterfangen. Was denkst du über Raster? Um es mit den Worten von Peter Lustig zu beenden: „Jetzt kommt nichts mehr, ihr könnt also abschalten.“

Quellen:

Bei Specialisterne widmen wir uns der hohen Arbeitslosigkeit im Autismus. Wir beraten, unterstützen, und bieten Fortbildungen an.

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